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Den Augenblick leben

Kontrolle gewinnen: Wie ich gemeinsam mit Ärzten und Therapeuten meine persönlichen Ziele erreiche – so lautete das Thema des  Edgar-Stene-Preises 2015. mobil präsentiert den Beitrag der dänischen Siegerin Charlotte Secher Jensen.

Ich erinnere mich immer noch an den Tag. Den Tag, an dem ich die Diagnose Rheumatoide Arthritis erhielt. Meine Gedanken überschlugen sich. Sie kreisten in meinem Kopf umher, ich war völlig verwirrt … Warum? Worum ging es überhaupt? Und was nun? An die Nacht nach diesem Tag erinnere ich mich am besten. Wie ich lautlos in mein Kopfkissen weinte, bis man es hätte auswringen können. Wie ich im Dunkeln in die Küche schlich, damit ich meine Familie nicht aufweckte, und das Thermostat des Heizkörpers voll aufdrehte. Ich erinnere mich an das beruhigende, monotone Klicken der Heizung und die Wärme. Unbeholfen setzte ich mich auf den harten Küchenboden und lehnte mich an die gefühllosen Rippen des Heizkörpers, die mich warm und matt umfingen.

Mit schwerem Herzen saß ich im Dunkeln. Ich fühlte die Hitze im Rücken, dort, wo, so hoffte ich, mir eines Tages in meiner Fantasiewelt meine Engelsflügel wachsen würden. Das Brennen sorgte für einige friedliche Sekunden Ablenkung von den stechenden Schmerzen, die ich in all meinen Gelenken fühlte. Meine Tränen trockneten. Etwas geschah. Meine Gedanken sammelten sich. Ich holte tief Luft und stellte mich entschieden auf meine Füße. Ein Kampf tobte in meinen Gedanken zwischen dem Licht und der Dunkelheit. Und das Licht gewann! Ich wollte den Augenblick und die Zukunft leben. Dies war mein Leben. Meine Entscheidungen. Aber ich erkannte schnell, dass ich etwas zum Anlehnen benötigte. Ich hatte eine lange Reise vor mir.

Ich musste bald am eigenen Leib erfahren, dass es drei Arten von Arztbesuchen gibt. Die, nach denen ich hinterher nicht klüger bin als vorher. Zeitverschwendung, Geldverschwendung und Verschwendung des gegenwärtigen Augenblicks. Dann gibt es die Termine, die ich weinend verlasse, entweder, weil ich nicht richtig angeschaut werde oder mir nicht zugehört wird, oder weil ich mich zu sehr wie ein chronisch kranker Patient benehmen muss.

Vielleicht war es einer von diesen Besuchen mit Untersuchungen und Bluttests, die ich einfach nicht mehr aushalten konnte. Es fühlte sich an wie eine Vergewaltigung meines erschöpften Körpers und meines entnervten Verstands. Mir schien es, als ob ein Arzt oder eine überarbeitete Krankenschwester mein zukünftiges Leben in ihren Händen hielt. Er oder sie würde mich kaum ansehen und unverbindliche Kommentare abgeben. Ich fühle mich wie eine Nummer. Sie verlassen den Raum – ich gehe – mit zerstörten Hoffnungen.

Und dann gibt es die dritte Art. Die beste Art. Meine Lieblingstermine. Die, wenn der Arzt oder die Krankenschwester fragt: „Wie geht es Ihnen?“ und ich antworte: „Mir geht es sehr gut.“ Sie nickt, lehnt sich aufmerksam zurück und sagt: „Und wie geht es Ihnen wirklich?“ Ich bin mir der Person in dem weißen Kittel bewusst, der Wärme in ihren Augen. Sie will, dass es mir gut geht, dass ich ein gutes Leben habe, trotz der quälenden Schmerzen und der Machtlosigkeit. Sie hat meine Akte gelesen – oder wenigstens überflogen. Sie erinnert sich an meinen Namen. Ich bin keine Nummer.

Diese Termine sind das Licht am Ende des Tunnels. Wenn man niedergeschlagen ist und die Krankenschwester einen warm anlächelt und sagt, dass alles gut wird. Dass ich mich jederzeit bei ihr melden und über wirklich alles mit ihr reden kann. Obwohl sie selbst kein Rheuma hat, kennt sie die Machtlosigkeit, die Angst, die Hilflosigkeit wegen der Medikamente und ihren Nebenwirkungen. Über kurz oder lang schütte ich ihr schließlich mein Herz aus, denn endlich ist da jemand, der den richtigen Ton trifft.

Ich fühle, wie das Gewicht von meinen Schultern fällt. Alles wird gut. Ich kann wieder frei atmen. Die Schwester vermittelt mir Hoffnung und den Glauben, dass im Augenblick alles okay ist, dass die Zukunft besser wird und dass es möglich ist, mit einer rheumatischen Erkrankung leben zu lernen.

Es braucht Zeit. Körper und Geist müssen sich an den Umsturz gewöhnen. Familie und Freunde auch. Man ist nicht mehr die Gleiche. Der Körper knirscht und ächzt. Entnervt sitze ich im Wartezimmer, ich bin umgeben von jungen und alten Leuten. Ich seufze … wegen meiner Krankenakte, weil ich mich beim letzten Arztbesuch mit der Ärztin nicht verstanden habe, weil ich nicht möchte, dass sie jemals wieder ein Wort in meine Akte schreibt. Ich hatte Kraft genug, Nein zu sagen an jenem Tag, trotz all meiner Hoffnungslosigkeit, meiner Enttäuschung und meiner unerträglichen Schmerzen.

Ich bin nervös. Wem werde ich heute meine Lebensgeschichte erzählen? Jedes Mal fühlt es sich an wie ein Examen – eine zehnminütige Prüfung, in der ich so viele Informationen wie möglich übermitteln muss, bevor meine Zeit um ist. Dann höre ich kaum noch: „Auf Wiedersehen bis in drei Monaten. Vergessen Sie die Labortests nicht.“ Ich weiß schon ziemlich genau, wie es ablaufen wird. Ich spüre, wie die Angst mir mein pochendes Herz schwer macht. Ich halte den Atem an, als mein Name gerufen wird. Ich schaue ängstlich hoch und sehe in ein Paar warmherzige Augen. Da steht er: der Arzt, Willkommen ausstrahlend, im T-Shirt locker an den Türrahmen gelehnt, den weißen Kittel offen, Jeans und Sportschuhe. Trotzdem bin ich auf der Hut, kaum fähig, meine Geschichte noch einmal zu beginnen.

Der Arzt setzt sich in seinem Bürostuhl auf. Er blättert durch die Akte und ich fühle Hoffnung in mir aufsteigen. Ich schaue ihn wiederholt an. Ich blicke in seine freundlichen Augen, lächle vorsichtig, lache einfach mehr, als ich den Satz höre: „Also, wie geht es Ihnen?“ Ich höre mich selbst lügen – ich antworte: „Ich bin okay.“

Er rollt seinen Stuhl auf mich zu und fragt noch einmal, seine Augen funkeln. Ich bin erleichtert und ich bemerke, dass ich ihn anlächle, obwohl Tränen langsam meine Wangen herunterrinnen. Höflich reicht er mir ein Papiertuch, lächelt ermutigend und untersucht mich vorsichtig, aber fest, mit angenehmem Druck. Ich entspanne mich. Er benutzt einen Ultraschallapparat für meine Kiefergelenke, wischt das durchsichtige Gel mit geübter Geste von meiner Backe und witzelt, dass das meiner Frisur nicht gerade zuträglich ist. Ich lächle. Es ist egal, dass an meinem Nacken alles noch klebrig ist; ich verzeihe ihm. Er reicht mir ein weiteres Papiertuch, damit ich selbst versuchen kann, die letzten Spuren zu beseitigen, ohne meine Frisur komplett zu ruinieren.

Während er spricht, erklärt, beruhigt, behält er mich ständig im Blick. Wir sind beide ganz im gegenwärtigen Augenblick. Die Tränen versiegen. Ich höre mich die Wahrheit sagen. Ich schaffe es sogar zu erkennen, dass es nicht besser werden wird. Dass es nicht weggehen wird. Aber dass trotzdem alles in Ordnung sein wird. Ich bin okay. Er hört zu, er sieht mich, er hört, was ich sage. Seine Worte vermitteln mir Hoffnung und sein Interesse trägt dazu bei, dass ehrliche Worte den Weg finden von meinen Gedanken zu meiner Zunge. Vorsichtig untersucht er jedes Gelenk meiner Finger und seine Wärme, seine Vitalität und sein Charisma strömen heraus und nähren meine Erkenntnis, dass es ein Leben mit Rheumatoider Arthritis gibt. Vielleicht nicht das Leben, von dem ich geträumt hatte, aber ein gutes, erfülltes Leben.

Ich gehe mit einem Lächeln auf meinem Gesicht und schaffe es sogar, auch die Patienten im Wartezimmer anzulächeln. Draußen trocknet der Sonnenschein die letzten Tränen. Ich hole tief Luft, richte mich auf, fühle meine innere Kraft erwachen und gehe hinaus in die Welt.

Ich bin bereit, im Augenblick zu leben und auf die Zukunft zuzugehen. Es ist möglich, mit einer rheumatischen Erkrankung im Rucksack des Lebens zu reisen, vorausgesetzt man hat Hilfe, ihn richtig zu packen. Ich nehme den Augenblick an und ich nehme das Leben an.

Die Gewinnerin Charlotte Secher Jensen ist 41 Jahre alt und lebt im dänischen Gjern. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter im Alter von 16 Jahren und einen 13-jährigen Sohn. Sie arbeitet Teilzeit in einer Beratungsfirma.